Weihnacht vor 2000 Jahren

Der Sturm braust über die kahlen Wipfel der germanischen Wälder, daß die Äste sich knarrend biegen und brechen. Rastlos jagen die Wolken von dem schwarzen, sternbesäten Himmel hin, wie ein Heer von Ungeheuern mit gespenstisch flatternden grauen Mänteln. Huihih --krach--eine Baumkrone neigt sich und splittert, dumpf klatscht die Schneelast auf den Boden, prasselnd folgen die Äste und Zweige nach.
Ein Rudel hungriger Wölfe heult, heisere Vogelschreie - es ist unheimlich zur Nacht auf den 25. Dezember in den tiefen germanischen Wäldern. Auf einer Lichtung, umgeben von Feldern, auf deren umgebrochenen Schollen jetzt eine tiefe Schneedecke sich ausbreitet, liegt ein germanisches Gehöft -ein großes Blockhaus und verschiedene Nebengebäude.
Aus dem Blockhaus fällt rötlicher Schimmer, froher Lärm aus rauhen Kehlen schlägt dem Eintretenden entgegen. Wir sehen in einer Halle, die vom unruhigen Flackerlicht des Kienspans erleuchtet ist. Schilde und Geweihe erlegten Wildes grüßen von den Wänden und zeugen vom kriegerischen und weidmännischen Sinn der Bewohner. Aber auch die Männer selbst, die hier versammelt sind, sehen ganz nach einem Jäger -und Bauernvolk aus. Felle und rohes Linnen bilden ihre Kleidung, die gewaltigen
Eckzähne von Bären und Luchs und dem sonstigen gefährlichen Raubwild, das damals noch in den dunkeln Wäldern Germaniens hauste, dienen als Halsschmuck. Eifrig lassen sie das Trinkhorn umgehen, in dem der Met, ein berauschendes Getränk aus vergorenem Honig, schäumt.
Da tritt mit einemmal Stille ein, der Hausherr erhebt sich, alles schaut zur Türe, wo zwei Mitglieder der Runde erscheinen, einen feierlich geschmückten Eberkopf auf den Schultern: der Juleber. Huihh-- in der plötzlichen Stille hört man den Wind um die Hausecken pfeifen. Die Fackeln erzittern im Luftzug, den der Sturm hereinjagt. Die Männer schauen sich an: "Das wilde Heer!" Auf dem achtfüßigem Roß Sleipnir, so glauben sie, jagt Wodan, der Gott des Sturmes über die Erde hin, hinter ihm sein wildes Gefolge.
Huihh --hört ihr den schrillen Jagdruf?---krach--hört ihr, wie unter den stampfenden Hufen die Bäume splittern und zusammenbrechen. Und am Tage erhebt sich die Sonne kaum über die Erde, ihre strahlen sind matt. Die Natur ist tot, Schnee deckt sie zu wie der Grabhügel eine Leiche. Es ist als hätte irgendein Zauberfluch Gewalt über die Erde bekommen.
Diesen Fluch zu brechen, sind die Männer heute in der Julnacht zusammengekommen. Zunächst sind da die Mannen des Hausherrn: Verwandte seiner Sippe, die keinen eigenen Hof besitzen, andere Männer, die ihm Treue geschworen haben, alle freie Leute, die ihm freiwillig folgen; auch Gäste sind eingetroffen.
Dem Lichtgott Freyr ist der Eber heilig, darum wird, feierlich bekränzt,der Eber hereingetragen. Das mag den Gott freundlich stimmen; er wird die Sonne wieder höher steigen lassen, wird im Walde und Feld wieder das Grün hervorsprießen lassen.
Ehe der Hausherr das Messer ansetzt, um den Braten an die Mannen auszuteilen, legt er die Hand auf den Kopf und legt ein feierliches Gelübde ab, welche Taten er im kommenden Jahr vollbringen werde, ehe der neue Juleber falle. Mann um Mann tritt heran und schwört.
Dann aber beginnt fröhliches Schmausen und Zechen. Immer röter werden die Gesichter. Immer lauter wird der zustimmende Lärm, wenn einer der Männer sich erhebt und ein Trinkspruch ausbringt auf einen der Götter, auf Wodan, den gewaltigen Sturmgott, auf Donar, den Donnergott, auf Zin,den Gott des blitzenden Schwertes. Andere feierten die ruhmreichen Helden der Vorzeit.
Die Dämmerung steigt schon bleich herauf, da suchen die Männer ihre Lager auf. Im Halbschlaf hören sie noch das Schnaufen der Rosse -- die Götter sind im Stall, denken sie, und sehen nach, ob die Tiere gut versorgt sind.
Die Julnacht ist vorbei.
Noch liegt Schnee und Eis überall. Aber langsam werden die Tage wieder länger, die Sonne steigt täglich höher am Himmel--der Bann ist gebrochen.

Quelle: Durch die weite Welt, Franckh'sche Verlagshandlung, 1932